Alle aufscheinen, bitte!

Durch Neid zu einem wunderbaren Miteinander

Text: Andrea Specht // Fotos: Hannah Zint 

Eine Beichte? Ich fiel aus allen Wolken. Wir hatten uns doch getroffen, weil ich ihr ein offenes Ohr für ihre Sorgen angeboten hatte. Da saß sie nun neben mir auf der Schulhofbank und bekannte stattdessen, dass sie vor Monaten mein Solo bei einem Auftritt verhindert hatte. Damals hatte sie das mit dem Argument getan, das Lied sei für den Anlass zu getragen. Nun erzählte sie mir, dass es aus Neid war.

Ich erinnerte mich, ja. Zwar war ich traurig gewesen, aber andererseits musste ich mich so nicht meinem schrecklichen Lampenfieber stellen. Erst schien es unzusammenhängend, dass sie jetzt darüber sprach. Doch erst nachdem wir die Sache ausgeräumt hatten, entspannte sie sich und konnte mir ihre Sorgen anvertrauen.

Diese Geschichte liegt lange zurück. Doch sie führt mir immer wieder vor Augen, wie Neid funktioniert: wie er missgönnt, kleinhält und trennt. Sie zeigt aber auch, dass es immer leichter ist, über den Neid anderer zu sprechen. Oder zu schreiben … Tja, was ist dran, dass wir Neid gern verdrängen oder auf andere projizieren? Denn: Neidisch sein wollen wir nicht, sollen wir nicht, dürfen wir nicht. Dieses Gefühl ist verpönt und vor allem extrem unangenehm.

Ein unschönes Gefühl

Die Psychologieprofessorin Verena Kast schreibt, dass wir durch Neid mit unserer eigenen „Mangelsituation“ konfrontiert werden und dadurch aus unserer Selbstwertbalance geraten. Die aufkommenden Emotionen wie Wut und Ärger zeigen wir aber nicht, aus Scham, unseren Mangel und unsere hässlichen Gefühle zu offenbaren.[1]

Und so bleiben wir allein mit diesem unguten, inneren Rumoren des Zukurzkommens, der Bitterkeit, der erlebten „Ungerechtigkeit“, dass eine andere bekommt, was uns zusteht. Neid ist heimlich und isoliert – schleichend, aber wirksam.   

Eine weitere Beichte: Ich kenne dieses Gefühl ziemlich gut. Und zwar nicht nur von anderen. Und ja, das fühlt sich ganz und gar nicht schön an. Diesen heftigen Stich zu spüren, wenn ich höre oder sehe, wie jemand das hat, bekommt, lebt, kann, ist …, wonach ich mich selbst sehne. Doch anstatt mich der Frage zu stellen, was mich dabei so aus dem Gleichgewicht bringt, ziehe ich mich oft reflexartig zurück, verweigere der anderen Person meine – zumindest ehrliche – Mitfreude und lasse so zu, dass etwas Bitteres zwischen uns kommt. Fatal und traurig.

Glaubt man der Psychologie und Theologie, ist Neid ein universelles Phänomen. Nicht erst seit Facebook und Instagram, sondern seit Beginn der Menschheit. Ich finde das ziemlich ernüchternd. Doch irgendwie entspannt es auch das Drama. Wenn wir wissen, dass die meisten um uns herum – zumindest hier und da – mit Gefühlen von Neid, Missgunst oder Eifersucht kämpfen, macht es uns das leichter, uns unseren eigenen unschönen Emotionen zu stellen. Und sie offenzulegen, wie meine mutige Mitschülerin damals. Denn der einzige Weg aus dem Neid ist, ihm mutig ins Gesicht zu schauen. Wunderbarerweise hat auch der Neid, wie alle Gefühle, einen Sinn: Er stellt das Fundament unseres Selbstwerts infrage und verlangt nach Vergewisserung. Doch das tut erst einmal empfindlich weh.

Die Perspektive zurechtrücken

Verena Kast spricht hier von der Chance, „den Selbstwert neu zu regulieren“. Ich würde es nennen: die Perspektive wieder zurechtrücken. Damit meine ich nicht, den Blick umzuschwenken auf all das, was gut in meinem Leben ist. Oder gar, mich daran zu erinnern, dass es anderen noch viel schlechter geht. Das mag zwar sein und im Zusammenhang mit Vergleichen spielen Zufriedenheit und Dankbarkeit einüben eine wichtige Rolle. Keine Frage. Aber zuerst einmal meine ich damit, dass der Schmerz echte Aufmerksamkeit braucht, dass er sein darf – so roh und hässlich er auch sein mag. Dass ich wahrnehme, wo ich hier Mangel spüre und das auch betrauere. Sonst sucht sich der Neid seine Hintertür – wie Verdrängung oder Projektion – und ich habe eine riesige Chance verpasst und womöglich eine Beziehung aufs Spiel gesetzt.

Hinter Neid verbirgt sich häufig eine der folgenden zwei Grundverunsicherungen: die Angst, zu kurz zu kommen oder der Zweifel am eigenen Wert. Wenn wir uns das bewusst machen, können wir genau hier ansetzen und unsere Perspektive zurechtrücken: Was glaube ich im tiefsten Inneren, wer ich bin und was mich und mein Leben wertvoll macht? Was macht mich einzigartig? Sich daran zu erinnern und neu danach auszurichten, stärkt und hilft, eine „Neidattacke“ zu entschärfen.
Auf einer tieferen Ebene gibt mir persönlich mein Glaube Antworten auf diese Fragen: Das uneingeschränkte „Ja“ eines liebenden Gottes macht meinen Wert aus. Seine Zusage, mein Versorger zu sein, lässt mich vertrauen, dass ich nicht zu kurz kommen werde. Wenn er mich geschaffen und mit meinen Fähigkeiten ausgestattet hat, wird es Möglichkeiten geben, diese einzusetzen. Aber nicht, um mich damit aufzuwerten, denn bei Gott bin ich längst maximal aufgewertet.
Und dann kann ich mich wieder freuen über mein eigenes So-Sein, frei und voller Leichtigkeit aufblühen, dankbar und ohne bittere Vergleiche. Und kann so auch andere darin unterstützen, in ihrem So-Sein aufzuscheinen.

Nicht immer, aber immer schneller kriege ich inzwischen die Kurve und kann rauszoomen in diese heilsame, gute Perspektive. Erlebe, dass ich in meinen Grenzen Frieden finde, weil ich mehr wohltuende Klarheit darüber habe, wer ich bin und wer nicht, was ich kann und was nicht. Weil ich mir meiner Kontur bewusst werde und erlebe, wie befreiend das ist.

Aufblühen und Feiern

Das Bild aus einem Bibelpsalm[2] macht es für mich so herrlich greifbar: In Gottes Nähe bin ich wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt wurde und zu seiner Zeit Frucht bringt. In der Nähe des Wassers zu wachsen, bedeutet: alles zu haben, was ich brauche. In dieser Umgebung kann ich wachsen, wurzeln, fest werden, blühen und Früchte reifen sehen. Zu ihrer Zeit. Dabei sind „Früchte“ so unfassbar verschieden: Kiefernzapfen, Oliven, Aprikosen oder Kokosnüsse als Nahrung für Menschen und Tiere. Der betörende Duft von Akazienblüten, die Erinnerungen auslösen und Sehnsucht wecken. Die Zauberschönheit eines herbstlich verfärbten Essigbaums oder die Blütenpracht einer Magnolie bereichern andere mit Staunen und Ehrfurcht. Ahornpropeller und Nashornkleber schenken Lebensfreude. Honig oder Tee aus Blüten und Blättern wirken heilend und wohltuend. Baumkronen und Äste bieten Lebensraum, einen einladenden Ort, damit andere zur Ruhe kommen, ein Nest bauen oder einfach tief durchatmen können, Schatten und Schutz finden.

So vielfältig und noch viel mehr sind auch die Gaben, die wir Menschen haben und damit auch anderen Menschen anbieten können. So unvergleichlich. Und ich bin überzeugt, dass allein unser So-Sein mit seiner Eigenheit und Kontur eine Gabe an die Welt ist, die Staunen auslöst und auf den Schöpfer dahinter verweist.  

Wenn ich das große Ganze so in den Blick nehme, wird mir bewusst, wie unser Miteinander strahlen könnte, wenn wir uns voller Begeisterung und Gönnen gegenseitig wertschätzen und ermutigen. Wir wären mit uns selbst – unseren Gaben, Prägungen, Potenzialen – versöhnt. Wir wüssten, dass wir so, wie wir sind, ganz sind, maximal wertvoll und würden niemandem etwas neiden. Wir könnten alle in unserer Einzigartigkeit aufstrahlen und nebeneinander scheinen. Wir würden ohne Missgunst feiern, wo Menschen aufblühen und andere bereichern. Wir würden denjenigen, die noch unsicher sind, „ihr Solo zu singen“, Tipps gegen Lampenfieber geben. Und wir würden einfach ehrlich sagen, wenn es doch mal kurz piekst, weil man selbst gerade Mangel fühlt. Dann würden wir uns gegenseitig verständnisvoll auffangen und daran erinnern, was uns ausmacht.

Wenn die Auseinandersetzung mit unserem Neid uns am Ende zu so einem Miteinander bringen kann, wäre es doch jeden Schmerz mehr als wert. Alle einmal fröhlich aufscheinen, bitte!

 

 

 

[1] Verena Kast: Über sich hinauswachsen. Neid und Eifersucht als Chancen für die persönliche Entwicklung. Patmos: 2020.

[2] Die Bibel, Psalm 1